Ausstellung
Farbspuren in Blau
Da ist der Raum, in dem das leere weiße Papier an der Wand hängt. Im Hintergrund spielt Musik. Mit dem Farbpinsel in der rechten Hand und der Palette mit den Farben Blau in den Abstufungen Ultramarin-, Preußisch-, Kobald- sowie Hellblau in der linken Hand stehe ich vor dem leeren weißen Papier. Zu den Farben gesellen sich zeitweise die Farben Türkis, Schwarz und Weiß.
Nach einer kleinen Atemübung bewegt sich der Farbpinsel auf dem Papier und es entstehen "bewegte" Linien. Aus den Linien heraus gestalten sich Rundungen, Schalen, Kreise, kleine und große Zellen unterschiedlicher Größe. An einem anderen Tag gestalten sich aus den Linien Ecken, Kanten, Dreiecke, Quadrate und Rechtecke.
So entstanden aus der inneren Stille eine Reihe von Bildern mit vielen verschiedenen Blautönen mit unterschiedlichen Motiven, wobei die Blautöne beim Mischen auf der Palette entstanden.
Beim Malen mit der Farbe Blau fühlte ich die Weite sowie die Tiefe des Meeres. Ich nahm den Himmel im Wechsel der Jahreszeiten Frühling, Sommer, Herbst und Winter wahr. Dabei erlebte ich den Himmel im Wechsel der Tageszeiten Morgendämmerung, Morgen, Vormittag, Mittag, Nachmittag, Abenddämmerung und Abend. Ein anderes Mal hörte ich das leise Rauschen der Wellen am Meer und das Sprudeln des Quellwassers der Flüsse in den Bergen. Auch zeigte sich mir beim Malen mit der Farbe Blau der Tag und die Nacht.
Manchmal berührte mich die Schwermütigkeit und die Melancholie der Farbe blau. Da spürte ich die Sehnsucht nach der Ferne und der Fremde. Mit dieser Sehnsucht schwang ich mich wie ein Vogel in die Luft und flog in ferne Länder. Doch im gleichen Atemzug erinnerte ich mich an die Abgründe und die dunkle Seite der Farbe Blau wie die Blaufärbung der Lippen und der Haut bei Herzerkrankungen. Da spürte ich den Schmerz und war wieder im Alltag meines Lebens angekommen.
Danach erst dachte ich an
blaue Gedichte,
blaue Märchen,
blaue Lieder,
blaue Getränke,
blaue Schafe,
blaue Perlen,
an die blaue Stunde,
an den blauen Dunst,
an eine Fahrt ins Blaue,
an den blauen Montag,
an das Blaumachen,
an Blaublütig - Sein,
an Blauäugig - Sein,
an den Film Der blaue Engel,
an die Operette Maske in Blau
an Knabenblau,
an Samtblau,
an Jeansblau,
sowie an Uniformblau.
19.09.2003
Werner H. Herzog